| Atemlos Thomas
Assheuer
Nicht
Geld, nicht Macht, sondern Beschleunigung regiert die Welt. Der
Soziologe Hartmut Rosa hat mit seiner Untersuchung der Zeit eine
monumentale Theorie der Moderne vorgelegt. Die Zeit ist aus
den
Fugen. Sie rast und steht still. Je mehr Zeit wir gewinnen, desto
schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. Wir stürzen nach vorn
und kommen immer zu spät. Alles wird schneller, und früher war es
besser. Solche Zeitkritik gehört zum Lieferumfang des
zeitgenössischen Weltbildes und kommt uns geschwind über die Lippen.
Entsprechend gibt es Zeittheorien und Bremshilfen wie Sand am Meer,
doch viele verlieren sich im Detail. Andere sind zwar profund, aber
einseitig. Was bislang fehlte, war eine soziologische Gesamtsicht, die
systematische Einbettung von Zeit und Beschleunigung in eine Theorie
der Moderne.
Diese Gesamtsicht liegt nun vor. Sie
stammt von
dem in Jena lehrenden Soziologen Hartmut Rosa, und ihr Anspruch ist
gewaltig, monumental und erschöpfend. Rosa behauptet nämlich, er halte
den Schlüssel in der Hand, um zu erklären, warum wir so leben, wie wir
leben. Denn weder Geld noch Macht seien die Fürsten dieser Welt.
Vielmehr sei es die »stumme normative Gewalt« der Beschleunigung, die
unsere Zeit im Innersten zusammenhält und alles Leben bestimmt. Wer vor
der kinetischen Macht die Augen verschließe, habe von der Moderne gar
nichts begriffen. Zugegeben, das ist erst einmal eine leere
Behauptung. Doch hat der Leser das steile Vorgebirge der
methodologischen Einleitung überwunden, kommt es knüppeldick, und er
kann sich vor Anschauung kaum retten. Rosa bemüht unzählige Studien,
die belegen, wie sehr sich Zeitwahrnehmung und Temporalstrukturen
beschleunigen, wie Unruhe und Zeitnot wachsen, Vergangenheit
verdämmert, Gegenwart schrumpft und Zukunft schwindet. Konnten
die Menschen der »klassischen Moderne« noch halbwegs das Gefühl haben,
ihre Identität in einer gerichteten Zeit stabilisieren zu können, so
geht heute die Balance zwischen Beharrung und Beschleunigung verloren.
Es ist die Zeit selbst, die sich »entzeitlicht«, was für Rosa heißt:
Wir entscheiden nicht mehr im Licht zeitstabiler Werte, sondern
bestimmen unsere Handlungsziele im Vollzug der Handlung, also in der
Zeit selbst.Unter dem Druck der Frist »löschen wir ständig Feuer«,
machen Dinge gleichzeitig, beschleunigen die Partnersuche durch »fast
dating« und steigern die »Erlebnisdichte pro Zeiteinheit«. Mögen wir
dabei auch an Zeitsouveränität gewinnen, so haben wir doch stets das
Gefühl, auf rutschenden Abhängen zu leben, das wahre Leben zu versäumen
und Dinge zu tun, die wir gar nicht wollen.
Im Extremfall
flüchten wir
uns in die
Depression, in die Pathologie der Zeit. Längst ist ein neuer
Sozialcharakter entstanden, der Spieler und Drifter. Weil er nicht
wissen kann, was morgen sein wird, hält er sich alle Optionen offen. Er
scheut Bindungen und Dauer, entscheidet situativ und stets in letzter
Minute, wie auf dem Börsenparkett. Je gleichgültiger die Inhalte, desto
schneller kann er sich anpassen. Die Steigerung von Optionen und
Wettbewerbsfähigkeit (»bis in die Liebe«) ersetzt »die auf ein
Lebensziel gerichtete Lebensführung«. Sollte sich der
Spieler
dennoch auf einer moralischen Landkarte orientieren, dann wechselt er
sie ständig.
Kurzum, soziale Beschleunigung
untergräbt Identitäten und
macht die Rede vom Lebensentwurf anachronistisch. »Man ist nicht
Bäcker, sondern man arbeitet (seit zwei Jahren) als Bäcker, man ist
nicht Ehemann von Y, sondern lebt mit Y zusammen, man ist nicht
Münchner und Konservativer, sondern wohnt (für die nächsten Jahre) in
München und wählt konservativ.« Dass
Beschleunigungsdruck den
Charakter verdirbt, ist für Soziologen eine Binsenweisheit.
Überraschend dagegen ist die mit spekulativem Schwung vorgetragene
These, der neue Spielertyp passe haargenau ins alte Weltbild. Das
Urtrauma der Moderne sei die Panik vor dem größten aller
»Optionenvernichter«, dem Tod, und indem sie unter faustischem Zwang
alle Möglichkeiten maximal ausschöpfe, schaffe die Moderne sich einen
säkularen Ewigkeitsersatz. Dies allerdings vergeblich. Denn dieselbe
Technik, die uns dabei hilft, erzeugt zugleich neue Optionen, sodass
»der Ausschöpfungsgrad beständig abnimmt«. Hinterrücks spielt das
kulturelle Weltbild der technischen Beschleunigung in die Hände. Es
verlangsamt nicht, sondern ist Teil der »Akzelerationsdynamik«. Damit
kein Missverständnis aufkommt: Rosa sucht nicht nach einem allein
schuldigen Haupttäter für soziale Beschleunigung. In einer originellen
Kombinationen unterschiedlicher Theorien konstruiert er einen Zirkel,
dessen Einzelteile feingliedrig ineinander greifen. Zweifellos kommt
der kapitalistischen Wirtschaftsform dabei eine Schlüsselrolle zu, denn
sie verwandelt Zeit in Geld. Anders gesagt: Im Kapitalismus greifen
Wachstums- und Beschleunigungszwang ineinander. Was wir in
der
Produktion an Zeit gewinnen, müssen wir im Konsum wieder ausgegeben -
das gesteigerte Produktionstempo hat »ökonomisch zwingend« eine
»Erhöhung der Konsumtionsakte zur Folge«. Weil der Bedarf weitgehend
gedeckt und der Markt gesättigt ist, dreht die Produktion leer und wird
zum Selbstzweck. Die ethischen Ziele des Wirtschaftens gehen verloren,
eine erpresserische Sachzwanglogik tritt an ihre Stelle. Wir
produzieren für die Produktion, während uns die gesparte Zeit als
Arbeitslosigkeit heimgezahlt wird. Oder frei nach Max Weber: Der
kapitalistische Geist ist tot, sein Gehäuse stahlhart geworden.
Wer
nun glaubt, Rosa würde am Ende seiner gelehrten Studie eine Atempause
einlegen und dem Leser einen Notausgang aus dem Tempodrom weisen, der
wird enttäuscht. Es gibt für ihn diesen Weg nicht, denn wer sich auf
eine Zeitinsel flüchte, der finde nie zurück. Auch wenn er es so nicht
sagt: Die Zeit zeitigt das Sein; sie ist das Subjekt der Gegenwart und
handelt hinter dem Rücken der Menschen. Provozierend spricht er von der
unumkehrbaren »Spätmoderne«, während die Zeit der klassischen Moderne
ablaufe und sich deren ordnungspolitische Sicherungen, die bereits eine
Reaktion auf die Beschleunigung darstellten, auflösten. Lange
Zeit
bildete der »langsame« Nationalstaat das stabile Flussbett, um den
reißenden Strom der Beschleunigung zu kanalisieren und zu bändigen -
seine Statik war paradoxerweise die Bedingung für das Dynamische. Seit
1989, seit dem Sieg des Kapitalismus, ist es damit vorbei. Seitdem
erscheinen Nationalstaaten (und ihre Parlamente) als Hemmschuh der
globalen Beschleunigung - hoffnungslos überfordert, die Ströme aus
Geld, Waren und Informationen zu synchronisieren. Von diesem Befund
scheint der Autor, der sonst vorzugsweise konservative Denker in den
Zeugenstand komplimentiert, selbst verblüfft zu sein, denn nichts
anderes hatte Karl Marx auch behauptet: Die Produktivkräfte sprengen
die (Produktions-)Verhältnisse und lassen alles Stehende und Ständische
verdampfen.
Damit geht für Rosa das Projekt der Moderne
insgesamt
zu Ende, denn es rechnete noch mit der gerichteten Zeit. Tatsächlich
»verzeitlicht« sich die Geschichtszeit zur richtungslosen Dynamik und
macht die Idee des Fortschritts zur Reminiszenz. Wir leben im Zeitalter
des simultanen Nebeneinanders von Despotie und Demokratie,
Staatenbildung und Staatenzerfall, Kolonisierung und Entkolonisierung.
Dass ein neues »Equilibrium« gelingt oder nur ein Abbremsen kinetischer
Energien, hält Rosa für unwahrscheinlich. Viel
wahrscheinlicher
sei, dass die Beschleunigungsmoderne durch das Fehlen von politischer
Verlangsamung zum Erliegen komme. Sie bezahlt dann ihre Unfähigkeit,
Beharrung und Beschleunigung zu balancieren, mit nuklearen oder
klimatischen Katastrophen, mit einem Kollaps des Ökosystems, globalen
Krankheiten oder unkontrollierter Gewalt - »vor allem dort, wo die
ausgeschlossenen Massen sich gegen die Beschleunigungsgesellschaft zur
Wehr setzen«.
Angesichts solcher Aussichten erstaunt es
durchaus, dass Rosa sein imponierendes Buch nicht als Einübung ins
Unvermeidliche versteht, sondern als kritische Theorie der Gegenwart.
Eine kritische Theorie gibt nicht eher Ruhe, bis sie Alternativen zu
ihren Beschreibungen aufzeigen kann. Bei Rosa sind sie nicht zu finden,
das ist die Arbeit von morgen. Sie duldet wie immer keinen Aufschub,
denn die Zeit drängt. |
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