TINA
und die Aliens Hartmut Rosa
Stellen wir uns einmal vor,
ein Raumschiff voll neugieriger Aliens überflöge die Erde. Da sie die
Relativität der kosmischen Zeit ausnützten, könnten sie die
verschiedenen Kulturen und Lebensformen, die diese Erde in den letzten
Jahrtausenden bevölkert haben, nacheinander in den Blick nehmen. Sie
flögen dabei von einer Kulturgemeinschaft oder Lebensform zur nächsten,
von "Lebensinsel zu Lebensinsel".
Das wäre ein interessantes
Schauspiel. Sie bekämen Lebensformen zu sehen, die bitterarm sind
und einen unbarmherzigen Kampf ums nackte Überleben führen. Andere
hätten vielleicht Nahrung und Behausung im Überfluss, verfügten aber
(gerade deswegen?) kaum über technische oder kulturelle
Errungenschaften. Wieder andere hätten gegen schreckliche Krankheiten
zu kämpfen. Oder gegen übermächtige äußere Feinde. Manche wären auch
von inneren Konflikten und vielleicht Bürgerkriegen gekennzeichnet.
Auf
fast allen Inseln, so steht zu vermuten, gäbe es identifizierbare
Quellen menschlichen und sozialen Leidens, unter denen der Mangel an
individueller Handlungs- und Entscheidungsfreiheit nicht die geringste
wäre.
Nehmen wir weiter an, auch unsere spätmoderne westliche
Lebensform wäre eine solche Insel, über die die Aliens staunend
hinwegflögen. Hier gerieten sie ins Grübeln: Die Menschen sehen
unglücklich aus. Sie wirken gehetzt. 25 Prozent von ihnen haben die
absoluten Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit erreicht. Praktisch alle
klagen über Stress und Zeitnot. Depressionserkrankungen als Reaktion
auf Überforderungsgefühle nehmen zu.
Dabei verkünden ihre
Führer, die goldenen Zeiten seien vorbei - der Wettbewerb müsse härter
werden, viele materielle, kulturelle und soziale Errungenschaften der
Vergangenheit könne man sich nicht mehr leisten.
Da es sich
zweifellos um eine sehr entwickelte Kulturform handelt, würden die
Aliens vielleicht versuchen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Worunter die
Menschen denn so litten? "Wir haben keine Arbeit" oder "Wir haben
Angst, die Arbeit zu verlieren" wäre gewiss eine häufige Antwort.
Ihr
habt keine Arbeit?! Die Aliens wären verwirrt: Wenn die da unten keine
anderen Sorgen haben ... Vielleicht ist ihnen den ganzen Tag
langweilig, weil es nichts zu tun gibt? Doch nein: Unsere Wirtschaft
muss um jeden Preis wachsen, würden sie von den Führern jener Gruppen,
die "Parteien" heißen und die Meinungsführerschaft innehaben, zu hören
kriegen.
Das verstünden die Aliens. Ihr meint, eure Wirtschaft
muss wachsen, weil ihr nicht genug Nahrung, Häuser, Autos, Computer,
Fernseher oder Bücher habt?! Nein, nein, bekämen sie zur Antwort. Die
Wirtschaft muss wachsen, weil wir sonst keine Arbeit haben. Das Problem
ist, dass wir mehr produzieren müssen, und zwar mit weniger Leuten,
obwohl wir schon alles haben, was wir brauchen. Weil wir sonst keine
Arbeit mehr haben. Arbeit gäbe es eigentlich genug - wir müssten
dringend unsere Straßen reparieren, unsere Umwelt pflegen, unsere Alten
und Kranken angemessen versorgen -, aber wir können uns das alles nicht
mehr leisten, weil die anderen Länder, mit denen wir im Wettbewerb
stehen, sich dies auch nicht mehr leisten. Versteht ihr das nicht?!
Aber
die Aliens verstünden nicht. Also, würde ihr Chefanalytiker anheben,
ihr wollt uns sagen, dass ihr alle Maschinen der Welt habt, um alle
eure materiellen Probleme zu lösen, dass ihr keine tödlichen
Krankheiten, keine nennenswerten Kriege und genug intellektuelles
Potenzial habt, um eure materielle und kulturelle Reproduktion spielend
aufrechtzuerhalten, dass ihr gesunde Mitbürger habt, die jene Maschinen
bedienen und alle Arbeit nicht nur erledigen können, sondern auch
wollen, dass ihr aber schrecklich und immer stärker leidet, weil ihr
nicht in der Lage seid, Arbeit und Güter zu verteilen? So ist es!,
würden wir antworten.
Die Aliens würden uns auslachen: Dann
ändert doch euer System! Wir aber würden aufheulen: Das geht nicht!
TINA! There Is No Alternative!, hat schon Margaret Thatcher gewusst.
Alle Länder der Erde, von zwei kleinen, insel-artigen Gebilden
abgesehen, denen es noch schlechter geht als uns, haben es eingesehen,
alle Universitäten, alle Zeitungen und Fernsehsender, alle
Wirtschaftsexperten predigen es: Die Wirtschaft muss wachsen, es gibt
keine Alternative!
Wann, würden die Aliens entgeistert fragen,
ist eure Wirtschaft leistungsfähig genug, dass sie aufhören kann zu
wachsen; wann ist der Wettbewerb so hart, dass ihr es zufrieden seid
und euch anderen Dingen des Lebens zuwenden könnt? Kleinlaut müssten
wir eingestehen: Einen solchen Endpunkt gibt es nicht. Die Wirtschaft
wird immer weiterwachsen, als Selbstzweck, nicht um ein großes Ziel zu
verwirklichen. Bis in alle Ewigkeit.
Jetzt würden die Aliens
nicht mehr lachen. Sie würden den Kopf schütteln und davonfliegen.
Denen ist nicht mehr zu helfen. Die sind übergeschnappt. Kollektiver
Wahnsinn...
Fredric Jameson, kein Alien, sondern amerikanischer
Literaturwissenschaftler, bemerkt, das Erstaunlichste an unserem
Zeitalter sei es, dass wir uns wesentlich leichter das Ende der Welt
ausmalen könnten als eine Alternative zum herrschenden wirtschaftlichen
und politischen System. Das Einzige, was uns als Gegenmodell einfällt,
ist die stalinistische Planwirtschaft. Und die wollen wir nicht. |