Zeitmuster und Optionenvielfalt Hartmut
Rosa
Entscheidend geprägt wird die
Lebensführung in der
spätmodernen Gegenwartsgesellschaft schließlich auch dadurch, wie wir
mit der seltsamerweise immer knapper werdenden Zeit und mit der uns
präsentierten Optionenvielfalt umgehen. Maßgebend für das Gelingen des
Lebens scheint hier - ganz unabhängig von der Frage nach den
substanziellen Zielen eines Lebenslaufes - die Balance zwischen dem
Langfristigen und dem Kurzfristigen sowie zwischen der frühzeitigen und
konsequenten Festlegung und dem möglichst langen und unverbindlichen
Offenhalten von Optionen zu sein. Tatsächlich scheint sich in der Art
und Weise, wie wir über die Reihenfolge unserer Handlungen entscheiden,
eine schleichende, unbemerkte "Werterevolution" zu vollziehen:
Traditionellerweise bringt die zeitliche Ordnung unserer Handlungen
auch unsere Wertordnung zum Ausdruck. Erledige zuerst das Wichtigste,
dann das Zweitwichtigste, und wenn danach noch Zeit übrig ist, kannst
Du Dich den weniger wichtigen Dingen zuwenden scheint eine ebenso
vernünftige wie bewährte Handlungsstrategie zu sein. Wenn
wir uns
indessen unseren tatsächlichen Alltag vor Augen führen, verfahren wir
fast nie nach dieser Devise. Das
Dringendste ist jedoch fast nie auch das Wichtigste - tatsächlich gibt
es viele Dinge, die uns sehr wichtig erscheinen, die aber nicht mit
einer "Deadline", einer Erledigungsfrist versehen sind und zu denen wir
daher gar nicht mehr kommen. Dazu können kleine Dinge, wie das
Schreiben eines Briefes oder das Besuchen eines Verwandten, oder
zentrale Aufgaben wie das Erlernen einer neuen Sprache oder eines
Instruments gehören. Dinge, zu denen wir nie kommen, sind uns
irgendwann aber auch nicht mehr wirklich wichtig: So mag ich
beispielsweise zunächst der Auffassung sein, dass Geige üben oder mit
dem Fernrohr in die Sterne zu sehen wirklich lohnenswerte und wertvolle
Tätigkeiten sind; allein: am ersten Abend komme ich weder zum einen
noch zum anderen, weil ich die Steuererklärung erledigen muss, am
zweiten Abend bin ich verhindert, weil das Pokalfinale genau auf diesen
Tag terminiert ist, während ich mich der Musik und der Astronomie ja
auch noch später widmen kann, am dritten Tag ist es der Besuch aus
Amerika, der wirklich nur jetzt in der Stadt ist, und am vierten Tag
bin ich zu erschöpft, mich so anspruchsvollen Tätigkeiten zu widmen.
Tatsächlich lässt sich eine
zunehmende
Polarisierung in unserer
Lebensführung beobachten, indem wir zwischen dem, was wir zwar nicht
mögen, aber unbedingt erledigen müssen, das wir also als stresshaft
erfahren, auf der einen Seite, und der weitgehenden (erschöpften)
Passivität auf der anderen Seite hin- und herpendeln: Wenn wir nicht
unsere Pflichten erledigen, lassen wir uns in der "Wellnessoase"
verwöhnen oder in den Kulturtempeln unterhalten; in beiden Fällen sind
wir so passiv wie möglich. Anspruchsvolle Tätigkeiten, die wir eins um
ihrer selbst willen für wichtig hielten, bleiben dabei auf der Strecke.
In der Folge mag sich jenes Lebensgefühl breit machen, das in dem Ödön
von Horváth zugeschriebenen Bonmot zum Ausdruck kommt: Eigentlich bin
ich ganz anders, nur komm ich so selten dazu.
Lebensführungskompetenz
aber zeigt sich nichtsdestotrotz darin, wie es einem Menschen gelingt,
die kurzfristig und die langfristig relevanten Dinge gegeneinander zu
balancieren: Was im kurzfristigen Zeithorizont als sehr wichtig
erscheint, mag langfristig recht irrelevant sein, und was kurzfristig
hohe Befriedigung verspricht, mag langfristig die weniger lohnenswerte
Strategie sein. In der Fähigkeit, kurzfristig auf Bedürfnisbefriedigung
zu verzichten, um langfristige Ziele zu erreichen, die sich als viel
lohnenswerter erweisen werden, haben Soziologen seit langem einen
entscheidenden schichtenspezifischen Faktor für den Bildungserfolg von
Schülern ausgemacht: Wer beispielsweise bereit ist (und es sich
freilich auch leisten kann), auf das Geld, das er als Auszubildender
kriegen könnte, zu verzichten, indem er sich für ein Studium
entscheidet, sichert sich langfristig vermutlich ertragreichere
Einkommensquellen.
Doch die Strategie, sich auf
langfristige
Ziele festzulegen, ist in der hochdynamischen Gesellschaft der
Gegenwart durchaus riskant; ja sie wird immer riskanter. Jetzt ein
Studium zu beginnen, das vielleicht in acht Jahren Früchte trägt, ist
ein großes Wagnis. Da wir in einer Umwelt leben, in der sich die
Ansprüche und die Möglichkeiten ebenso wie die eigenen Wünsche und
Bedürfnisse in rascher und unvorhersehbarer Weise ändern, ist es klug,
sich möglichst viele Optionen und Anschlusschancen möglichst lange
offen zu halten. Handle jederzeit so, dass die Zahl Deiner
Handlungsmöglichkeiten größer wird, lautet deshalb die vielleicht
dominante Entscheidungsstrategie der Spätmoderne. Festlegung bedeutet
dabei stets Optionenvernichtung und damit einen Verstoß gegen jenen
"kategorischen Imperativ": Wenn ich mich heute festlege, mich morgen um
12 Uhr mit meinen Freunden zu treffen, bin ich nicht mehr flexibel in
meiner Tagesplanung; wenn ich ein Ehrenamt übernehme, bin ich für
mindestens ein Jahr an eine bestimmte Aufgabe gebunden; wenn ich
heirate, habe ich mich (erst einmal) gegen alle anderen potentiellen
Partner entschieden, und wenn ich gar Vater oder Mutter werde,
übernehme ich geradezu unkündbar die Rolle des Elternseins und binde
mich für mindestens 18 Jahre an eine bestimmte Verantwortung. Also
halten wir uns die Entscheidung für morgen offen (?Lass uns mal
telefonieren?), also engagieren wir uns lieber punktuell und
kurzfristig, anstatt ein dauerhaftes Amt zu übernehmen, und wir leben
ohne Trauschein zusammen oder halten uns die Scheidungsoption offen -
und verzichten auf Kinder. Bei der Frage des Bildungsabschlusses, beim
Computerkauf wie bei der Wahl des Wohnortes: In aller Regel entscheiden
wir uns gar nicht für einen substanziellen Wert, sondern für die
Multiplikation der Möglichkeiten: Mach lieber Abitur, das gibt Dir für
später viel mehr Möglichkeiten; kaufe lieber das schnellere
Computermodell, wer weiß, für was Du es noch brauchen wirst; zieh
lieber in die Stadt, da hast Du ein viel größeres kulturelles Angebot.
Allein,
wer sich niemals festlegt, wird es auch "zu nichts bringen"; er
verfehlt nicht nur seine Ziele, sondern er bildet gar keine
Zielhorizonte mehr aus. Ein gutes Leben, so scheint es, besteht daher
in der richtigen Balance zwischen einer flexiblen Anpassung an neue
Umstände und dem beharrlichen Festhalten an zeitstabilen Zielen auch
über schwierige Phasen hinweg - unabhängig davon, ob es sich um
Karrierepläne, religiöse Praktiken, das Erlernen einer Fremdsprache
oder um die Verwirklichung anspruchsvoller Hobbys handelt. |