| Der
Beschleunigungszirkel Hartmut Rosa
Es
gibt eine von
allen
Soziologen anerkannte These, die lautet: Moderne und Beschleunigung
gehören eng zusammen, der technische und naturwissenschaftliche
Fortschritt, die industrielle und die digitale Revolution sind jeweils
Elemente, die in die Gesellschaft Bewegung bringen, die das alltägliche
Leben schneller machen. Neues Wissen ist morgen schon wieder überholt,
die Festplatte unseres Computers können wir nächstes Jahr schon wieder
wegwerfen, und der Plasmabildfernseher ist ebenfalls bald veraltet. Hartmut
Rosa ist Professor für Soziologie an der Schiller-Universität
in
Jena
und zugleich Experte für Beschleunigungskulturen in der Moderne. In der
SWR2 Aula zeigt Rosa, wie sich Beschleunigung zeigt, welche Gefahren
sie in sich birgt; er beginnt seinen Vortrag mit der Beschreibung neuer
Wahrnehmungen der Zeit.
Hartmut Rosa: "Die eine
Wahrnehmung
ist
die, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Die Zeit
scheint rasend zu werden in gewisser Hinsicht. Seit der Sattelzeit,
seit dem 18. Jahrhundert, finden wir viele Dokumente, die zeigen,
dass Menschen beobachten und berichten, dass die Geschichte, die
geschichtliche Entwicklung, sich zu beschleunigen scheint, dass die
Gesellschaft selbst sich zu beschleunigen scheint, dass das soziale
Leben an Tempo gewinnt und entsprechend auch die kulturelle Entwicklung
und Veränderung. Das führt dann zu so etwas wie dem sozialen
Wirbelsturm, dem "tourbillon social", den etwa Jean-Jacques Rousseau in
seinem Erziehungsroman "Émile" beobachtet. Die Zeit selbst
scheint
vielen schneller zu vergehen, so dass Peter Conrad, der
Kulturhistoriker, feststellt: "Modernity is about the acceleration of
time" - die Moderne dreht sich um die Zeitbeschleunigung, wenngleich
ich denke, dass man nicht sagen kann, die Zeit selbst beschleunigt
sich, es sind natürlich die sozialen Prozesse und Verhältnisse, die
sich rascher wandeln oder vollziehen. Die eine Dimension der
Zeitveränderung ist also das schneller Werden der Zeit, die andere
Veränderung ist, dass Zeit immer weniger zu werden scheint. In manchen
Hinsichten lässt sie sich wie ein Rohstoff betrachten, und dieser
Rohstoff Zeit scheint den Akteuren immer knapper zu werden, sie geraten
tatsächlich in Zeitnot und Zeitarmut. Das zeigen uns ganz viele
soziologische Studien, Zeitbudget-Studien beispielsweise, aber auch
qualitative Studien. Sie machen deutlich, dass in allen westlichen
Gesellschaften, insbesondere dort, wo wir Modernisierungsprozesse
beobachten können, Menschen das Gefühl haben, die Zeit gehe ihnen aus.
Das
hat den
schwedischen Ökonomen
Staffan Linder schon in den 70er Jahren dazu gebracht, ein Linder-Axiom
zu formulieren, das besagt: Gesellschaften sind entweder reich an
Gütern oder reich an Zeit, aber Güterwohlstand und Zeitwohlstand
verhalten sich umgekehrt proportional. Das heißt, entweder wir sind arm
an Gütern, eine arme Gesellschaft, die aber viel Zeit zu verschenken
hat und nicht das Gefühl hat, Zeit ist knapp; oder wir sind eine
Wohlstandsgesellschaft wie unsere heutige Gesellschaft, die unter
permanentem und wachsendem Zeithunger leiden.
Das führt dann zu
diesem
rastlosen und ruhelosen modernen Menschen, dem Goethe etwa in seinem
"Faust" ein Denkmal gesetzt hat. Die Kulturgeschichte ist
voll von
diesen beiden Beobachtungen, dass Zeit schneller zu vergehen scheint
und dass Zeit knapp wird. Ein frühes Zeugnis finden wir bei
Shakespeare, der Hamlet sagen lässt: Die Zeit scheint aus den Fugen
geraten zu sein. Das war insofern neu, als dass er nicht sagt, die
Gesellschaft oder das Zeitalter ist aus den Fugen, nein, es ist die
Zeit selbst, die sich verändert. Charles Baudelaire bestimmt die
Moderne geradezu als das Transitorische, das Flüchtige, das
Vorübergehende. In gewisser Weise ist er damit der erste
Beschleunigungstheoretiker der Moderne, der die Moderne als Kern des
Beschleunigungsprozesses identifiziert. Das zieht sich durch die
Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bis heute. Um die
Jahrtausendwende hat etwa der amerikanische Kulturbeobachter James
Gleick ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Faster: The Acceleration of
Just About Everything". Er beobachtet darin die Beschleunigung von mehr
oder minder allem, wie er sagt, nämlich die Beschleunigung des
Arbeitslebens, des Liebeslebens und des Konsumverhaltens.Diese
Konzentration der Zeitbeobachtung geht in der späteren
Sozialwissenschaft verloren, die Zeit gerät aus dem Blick, und ich
denke, wir tun gut daran, wenn wir verstehen wollen, was die Probleme
und die Veränderungstendenzen der gegenwärtigen Gesellschaften sind,
den Blick wieder auf diese Temporaldimension, auf die
Beschleunigungsprozesse zu lenken. Was wir dafür brauchen, ist eine
saubere kategoriale Bestimmung von Beschleunigung. Es reicht nicht zu
sagen, dass in der Moderne eben alles schneller gehe oder werde, obwohl
man diesen Satz in ganz vielen, sehr ernst gemeinten und ansonsten sehr
seriösen soziologischen Untersuchungen findet.
Zu behaupten,
alles
werde schneller, ist erstens falsch und zweitens irreführend. Falsch
ist es deshalb, weil viele Dinge eben nicht schneller gehen. Es gibt
natürliche Geschwindigkeitsgrenzen, zum Beispiel in der Natur oder
bezüglich der astronomischen Verhältnisse - wir können einen Tag oder
ein Jahr nicht beschleunigen. Wir können auch die Rohstoffreproduktion
oder die Verarbeitung von Abfallstoffen nicht wirklich beschleunigen.
Wir
haben Geschwindigkeitsgrenzen in unserem Körper, im Gehirn etwa laufen
eben manche Prozesse in einem bestimmten Tempo und nicht darüber
hinaus. Allerdings gibt es auch Verlangsamungserscheinungen
in der
Moderne, manche sind sogar geradezu die Folge von
Beschleunigungsbemühungen. Das beste Beispiel dafür ist der Stau, das
kann der Verkehrsstau oder der politische Reformstau sein. In beiden
Fällen stellt er sich ein als Folge der Bemühung, schnell zu sein. Wenn
alle ganz schnell sein wollen und sich ins Auto setzen, kann der
Verkehr zusammen brechen und sich nichts mehr bewegen. Ich nenne das
eine dysfunktionale Nebenfolge von Beschleunigungsbemühungen.
Möglicherweise
gehört auch die Depressionserkrankung zu den Nebenwirkungen. Menschen,
die unter einer Depression leiden, haben oft das Gefühl, die Zeit stehe
still; und wir wissen von vielen psychosozialen Untersuchungen, auch
von der Weltgesundheitsorganisation, dass Depressionserkrankungen nicht
nur zunehmen, sondern tatsächlich Reaktionen auf Stress und
beschleunigte Veränderungserfahrungen zumindest sein können.
Es
gibt aber auch wirkliche oppositionelle Verlangsamungsbemühungen,
Widerspruch gegen das hohe Tempo der Moderne. Das zieht sich durch die
gesamte Kulturgeschichte der Beschleunigung hindurch und setzt sich bis
heute fort. Wir finden Proteste gegen die Einführung der mechanischen
Webstühle, natürlich auch gegen den Bau der Eisenbahn, der von Anfang
an als eine massive Veränderung eben nicht nur der Infrastruktur,
sondern auch des sozialen und kulturellen Lebens beargwöhnt wurde.
Schon um 1840 protestierten die Menschen, indem sie in den Straßen
Paris' Schildkröten an Leinen spazieren führten, gegen das hohe Tempo
der Moderne. Heute kennen wir Bewegungen wie das Slow Food Movement,
die Slow Cities-, Slow-Up-Bewegungen oder Simplify Your Life. Alles das
sind Bemühungen, das hohe Tempo aus unserem Alltagsleben
herauszunehmen. Allerdings muss man dazu sagen, dass alle diese
Interventionen bisher niemals erfolgreich waren. Letzten Endes haben
sie immer den Kürzeren gezogen.Ich habe gesagt, es sei
falsch und
irreführend zu behaupten, alles wäre schneller. Deshalb sollten wir uns
genauer ansehen, was sich denn nun tatsächlich in der Moderne
beschleunigt. Drei verschiedene Bereiche lassen sich ausmachen: erstens
die technische Beschleunigung, zweitens die Beschleunigung des sozialen
Wandels und zum dritten schließlich die Beschleunigung des
Lebenstempos. Was ist damit gemeint? Die technische
Beschleunigung
zielt intentional, absichtsvoll auf zielgerichtete Prozesse,
insbesondere zum Beispiel im Transport- und Produktionswesen oder auch
im Bereich der Kommunikation. Es ist offensichtlich, was gemeint ist
mit der Beschleunigung in der Transportdimension: Wir gehen eben nicht
mehr zu Fuß oder reiten mit dem Esel oder auf dem Pferderücken, sondern
wir benutzen das Fahrrad, das übrigens auch eine moderne Erfindung ist,
oder das Automobil, den Zug oder gar das Flugzeug bis hin zur Rakete.
Auch die Kommunikationsbeschleunigung ist einfach zu messen und leicht
nachzuvollziehen: Wir schicken keine Brieftauben mehr aus oder Boten,
die Nachrichten übermitteln, sondern uns steht nach Telefon und
Telegrafie inzwischen sogar das Internet zur Verfügung, welches
geradezu die Ortlosigkeit, die Utopie zu einer Realität gemacht hat.
Wichtig
ist auch, dass die Veränderungen in der Produktionsweise letzten Endes
Beschleunigungsveränderungen sind. Die beiden großen Revolutionen, die
industrielle Revolution im 19. Jahrhundert und die digitale Revolution
seit etwa 1990, die ja immer noch anhält, dienen letzten Endes der
Beschleunigung von Prozessen. Was sich dabei ändert, ist gar nicht so
sehr, dass wir neue Dinge herstellen, sondern dass wir sie wesentlich
schneller und einfacher produzieren können. Es ist ganz interessant,
darüber einmal nachzudenken: Tatsächlich dienen alle großen technischen
und auch die kleinen Erfindungen, an denen wir uns erfreuen, dem
Zeitsparen. Andere Formen der Beschleunigung lassen sich
nicht
direkt logisch oder kausal auf den technischen Fortschritt
zurückführen, weil sie nicht zielgerichtet sind. Ich rede von den
Phänomenen der Beschleunigung des sozialen Wandels. Dazu gehören zum
Beispiel Modewellen oder literarische oder musikalische Stilepochen,
die in immer dichterer Folge einander ablösen. Auch verschiedene Formen
der Tätigkeit, Beziehungsmuster oder Assoziationsmuster unterliegen
einer immer kürzeren Lebensdauer.
Die Beschleunigung des
sozialen
Wandels hat zur Folge, dass wir uns immer wieder umorientieren müssen,
wir müssen ständig Neues lernen und uns auf neue Tätigkeits- und
Verbindungsformen einlassen. Wir können auch sagen, dass die
Stabilitätszeiträume oder die Gegenwartsfenster, für die wir
Vorhersagen treffen können, wie die Dinge laufen, oder die Zeiträume,
innerhalb derer wir von Erfahrungen profitieren können, weil sie den
Erwartungshorizont bestimmen, diese Zeitfenster werden immer kürzer.
Die
Halbwertszeit des Wissens, auch gerade des praktischen Wissens, des
Alltagswissens nimmt ab. Wir können das daran sehen, dass die
Halbwertszeit von Jobs, von Beziehungen oder auch von
Computerprogrammen und Studienplänen kürzer wird, die Gültigkeitsdauer
von Tätigkeitsformen und Assoziationsmustern nimmt ab. Der Schweizer
Philosoph Hermann Lübbe hat das als "Gegenwartsschrumpfung"
beschrieben. Gegenwart, sagt er, ist der Zeitraum, in dem die
Handlungsbedingungen, die Rahmenbedingungen des Handelns stabil sind,
und diese Gegenwart verkürzt sich, weil das Morgen, der Zeitraum für
die Dinge, die anders sein werden, oder das Gestern, der Zeitraum, in
dem die Dinge anders waren, immer näher an die Gegenwart heranrücken.
Fünf-Jahres-Pläne müssen inzwischen alle zwei Jahre oder sogar jedes
Jahr neu geschrieben werden. Das ist gemeint mit der Beschleunigung des
sozialen Wandels.
Die dritte Art, die
Beschleunigung des
Lebenstempos, lässt sich wiederum weder logisch noch kausal auf die
anderen beiden anderen Beschleunigungsformen reduzieren. Damit ist
gemeint, dass die gesamte Moderne geprägt ist durch den Versuch, die
Zahl der Handlungsund Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit zu erhöhen. Das
klingt relativ kompliziert, ist aber nicht sehr schwer. Es bedeutet,
dass wir versuchen, mehr Dinge in einer bestimmten Zeit zu tun, mehr
Dinge in einen Tag, in eine Woche oder in ein Leben hineinzupressen.
Für die Erhöhung des Lebenstempos stehen uns drei verschiedene
Techniken zur Verfügung: Das eine ist das schnellere Handeln. Dafür
haben wir einige englische Begriffe, zum Beispiel Fast Food (schnell
kochen, schnell essen) oder Speed Dating - es treffen sich möglichst
viele potentielle Lebenspartner in kurzer Zeit. Ein schöner Begriff ist
auch der Power Nap. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass wir zwar
einen Mittagsschlaf halten können, aber höchstens etwa 20 Minuten. Wenn
der Bleistift aus der Hand fällt, sollten wir wieder fit und auf dem
Sprung sein. Interessant ist auch die Idee der Quality Time mit den
Kindern. Damit ist gemeint, dass wir unseren Kindern natürlich Zeit und
Aufmerksamkeit widmen sollten, aber nicht zuviel - ja keine Zeit
verschwenden -, wir sollten vielmehr die Interaktionsdichte erhöhen.
Das Ganze endet dann vermutlich im Drive-Thru-Funeral, das angeblich in
einigen kalifornischen Gemeinden schon praktiziert wird. Die
zweite Technik neben der Erhöhung der Handlungsgeschwindigkeit besteht
darin, Pausen, Wartezeiten oder Leerzeiten zu erodieren, wegzulassen.
Auch das tun wir fast alle ständig, wir versuchen, die Dinge so zu
planen, dass dazwischen keine Leer- und Wartezeiten entstehen. Das
funktioniert auch sehr gut, das ist sehr zeiteffizient -außer es
verzögert sich etwas, dann handeln wir uns große
Synchronisationsprobleme ein. Ich glaube, die Synchronisationsprobleme
gehören in der Tat zu den Hauptproblemen moderner Gesellschaften. Die
dritte Technik, mit der wir versuchen, Zeit zu sparen, besteht im
Multitasking. Inzwischen sind wir schon zu Experten geworden, es gibt
kaum mehr jemanden, der sich damit begnügt, nur zu telefonieren.
Meistens denken wir, dass wir dabei wenigstens noch Blumen gießen,
Staub wischen oder auch im Internet surfen können. Das ist nur ein
Beispiel für den Versuch, durch das gleichzeitige Erledigen mehrer
Tätigkeiten die Anzahl der Handlungsepisoden zu erhöhen. |
 Hartmut
Rosa: Der Beschleunigungszirkel | Das
Besondere ist nun, dass wir in einer Gesellschaft leben, die durch alle
drei dieser Beschleunigungsdimensionen gekennzeichnet ist. Das ist
geradezu ein paradoxer sozialer Zustand, weil wir ja durch die
technische Beschleunigung permanent Zeitressourcen einsparen.
Eigentlich sollte die Folge davon ja sein, dass sich unser Lebenstempo
entschleunigen kann und wir mehr Zeit haben. Wie kommt es dann, dass
wir dennoch nie Zeit haben? Die
Beschleunigungsdynamik hat sich zu
einem geschlossenen Feedback-System verdichtet, ich nenne das auch
einen Beschleunigungszirkel, bei dem die eine Dimension immer die
andere antreibt. Die technischen Innovationen, mittels derer wir
versuchen, Zeit zu sparen, erlauben uns nicht nur, Prozesse schneller
auszuführen oder Dinge schneller zu erledigen, sondern sie
treiben gleichzeitig den sozialen Wandel an. Denken Sie an die
Einführung des Automobils oder des Internets. Sie haben uns nicht nur
beschleunigt Prozesse ausführen lassen, sondern sie haben auch dazu
geführt, dass ganz neue Jobs entstehen, neue Kommunikationsformen, neue
Freizeit- und Konsumpraktiken, neue Kulturmuster. |
Diese Änderung des
sozialen Wandels wiederum führt dazu, dass wir unser Leben erleben, als
stünden wir auf rutschigen Abhängen, die Welt scheint uns zu überrollen
oder uns davonzulaufen. Deshalb
berichten
Menschen
aus modernen
Gesellschaften fast unisono von ihrem Eindruck, immer schneller laufen
zu müssen, nur um auf dem Laufenden zu bleiben und Schritt zu halten.
Dieser gesellschaftliche Gesamtzustand lässt sich dadurch erklären,
dass das Tempo der sozialen Veränderungen ansteigt, dass wir in einer
Welt leben, die sich in vielen Dimensionen gleichzeitig bewegt und
verändert. Das daraus resultierende Gefühl der Zeitknappheit
führt
aber wiederum dazu, dass wir nach technischer Beschleunigung fragen.
Was aussieht, wie eine kollektive Lösung dieser Probleme, kurbelt sie
in Wahrheit weiter an. Externe Wurzeln treiben den
Beschleunigungszirkel zusätzlich an. Ich glaube, zwei Motoren sind
daran beteiligt: ein kultureller und ein sozialer Motor. Der kulturelle
Motor besteht darin, dass sich in der Moderne ein Lebensgefühl, eine
Weltsicht durchgesetzt hat, bei der Beschleunigung geradezu die Antwort
auf das Problem des Todes, die Antwort auf das Problem der menschlichen
Endlichkeit wird. Das ist ein Argument, das ich im Anschluss an Hans
Blumenberg, Egon Friedell und Marianne Gronemeyer entwickle.
Die
Idee ist, dass die Welt überwiegend säkularisiert ist, bedeutet, dass
wir den Schwerpunkt unseres Planens und Trachtens auf das Diesseits
legen, sogar unabhängig davon, ob wir gläubig sind oder nicht. Viele
Menschen in der Moderne sind ja immer noch gläubig und sagen, ich denke
schon, dass es ein Leben nach dem Tod geben wird. Das ändert aber
nichts daran, dass das Hauptgewicht der Lebensplanung auf dem Diesseits
liegt und dass sich dabei eine Definition des guten Lebens oder des
gelingenden Lebens durchgesetzt hat, das in der Idee eines erfüllten
Lebens besteht. Für die moderne Gesellschaft ist ein gutes Leben eines,
das reich an Erfahrungen und an Erlebnissen ist, ein Leben, das viel
Welt ausschöpft, viele Weltmöglichkeiten realisiert. Wenn
wir
diese Idee erst einmal internalisiert haben, dann liegt es nahe, dass
wir durch ein schnelleres Leben, durch ein schneller Machen mehr Welt
ausschöpfen können in einem einzigen Leben. Wenn wir doppelt so schnell
leben, können wir das Pensum von zwei Leben in einer Lebensspanne
unterbringen. In dem logischen Fluchtpunkt dieser Idee bedeutet das
dann, dass wir durch Beschleunigung so etwas wie ein ewiges Leben vor
dem Tod zu realisieren versuchen. Wir können, wenn wir nur unendlich
schnell werden, noch unendlich viele Dinge tun und erleben, bevor wir
sterben müssen. Ein bisschen gehen wir, glaube ich, alle so mit dem
Wissen um, dass wir eines Tages sterben müssen.
Die soziale
Wurzel
des Beschleunigungsspiels dagegen liegt in der Wettbewerbsidee und im
Wettbewerbsprinzip moderner Gesellschaften. Am deutlichsten zutage
tritt das natürlich in der ökonomischen Sphäre, in einem
kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dort ist Zeit ganz unmittelbar
Geld, wie wir seit Benjamin Franklin wissen. Zeit ist Geld, lautet aus
einer ganzen Reihe von ökonomischen Gründen, die ich hier gar nicht
darlegen möchte, die Formel kapitalistischen Wirtschaftens. Alle
Ökonomie wird am Ende zu Zeitökonomie, wie Marx gesagt hat. Das Geld
ist notwendig knapp in kapitalistischen Systemen und deshalb ist es
auch die Zeit. Aber die Wettbewerbsidee ist ja noch viel
tiefer in
der modernen Welt verankert als nur im ökonomischen System. Es ist
geradezu das Hauptprinzip, nach dem wir alle Arten von Gütern,
Positionen, Privilegien auch von Status und Anerkennung verteilen. In
der Vormoderne haben wir das in der Regel durch ständische Zuteilung
getan. Welche Anerkennung jemand verdient, welche Güter und
Lebenschancen jemand hat, steht durch die Geburt fest. Es ist von
vorneweg klar, welche Möglichkeiten, welchen Status und Anerkennung
jemand bekommt, je nachdem ob er zum Beispiel ein Graf, ein Bettler,
ein Bauer oder ein Handwerker ist. In unserer Gesellschaft dagegen
werden alle diese Dinge verteilt und zugeteilt nach der
Wettbewerbslogik. In einem Wettbewerb gilt nicht umsonst der Satz: Die
Konkurrenz schläft nie. Es kommt zu einer umfassenden Dynamisierung
aller Sozialbereiche.
Alle diese Güter,
Privilegien und
Positionen, Anerkennung und Status werden ausgehandelt in einem
dynamischen System, bei dem nach und nach alle Sicherheiten, Positionen
und Stabilitäten verloren gehen. Was erodiert wird, sind die Nischen,
in denen wir uns ausruhen können. Wer nicht rennt in irgendeiner
sozialen Dimension, rutscht automatisch schon zurück. Das hat Ulrich
Beck auch beschrieben als das Gefühl, immer auf Rolltreppen nach unten
zu stehen. Wenn Sie sich gerade nicht um die Verbesserung Ihrer
Fremdsprachenkenntnisse bemühen oder um die Ausstattung Ihres
Computers, dann rutschen Sie schon zurück, verlieren tendenziell an
Wettbewerbsfähigkeit. Das führt insgesamt nicht nur zu dem
Lebensgefühl der rutschenden Abhänge, bei dem wir uns wie in einem
Hamsterrad bewegen, sondern es produziert auch, so meine ich, schuldige
Subjekt in der Moderne. Moderne Menschen, insbesondere in der heutigen
Zeit, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich permanent schuldig
fühlen, weil sie, egal wie hart sie arbeiten, niemals alles getan
haben, was sie tun müssten. Ich bin sicher, es geht auch den Lesern so.
Selbst wenn Sie sich genug um die Fitness oder um die Rente gekümmert
haben, dann sollten Sie sich vielleicht mal um Ihren Handy-Tarif
Gedanken machen, um Ihren Strom-Tarif, um die Software oder die
Hardware, um die Kleidung, um die Pflege der Kinder oder der Eltern, um
die Pflege des Beziehungsnetzwerks, um die Fremdsprachenkenntnisse, das
Email-Konto läuft über, der Anrufbeantworter ist nicht abgehört. Egal,
was wir tun, wir vernachlässigen immer alle anderen Sozialbereiche, so
dass wir am Schluss sogar das Gefühl haben, wir müssten endlich mal
wieder entschleunigen oder endlich mal wieder in den Urlaub fahren, so
dass selbst Entschleunigung oder Urlaub zu einem Problem für das
Zeitbudget werden.
Um noch einen kurzen Ausblick auf die
sozialen
Folgen der Beschleunigung zu werfen: Es scheint mir offensichtlich,
dass wir Beschleunigung nicht einfach nur als Zwang beschreiben dürfen.
Es ist ja nicht so, dass wir diese ganzen Dynamisierungsgewinne der
Moderne nur als Opfer erleben. Wir sind auch Täter, und wir wollen auch
Täter sein, weil Beschleunigung ein Glücksversprechen in sich trägt und
mit jeder Menge Freiheitsgewinn einhergeht. Wir wollen schnell,
beweglich und dynamisch sein, und wir wollen auch einen weiten
Optionenhorizont haben. Es scheint mir nur so, dass die Nebenfolgen uns
heute einzuholen drohen. Wir könnten auch sagen, dass wir einen
Umschlagpunkt erreicht haben, jenseits dessen weiter Beschleunigung
droht, die Glücks- und Freiheitsversprechen zu konterkarieren oder die
Spielräume zu erodieren. Die Individuen
beschleicht in
dieser Situation das Gefühl, dass sie das wahre Leben, das sie in der
Bewegung gesucht haben, eben gerade verfehlen, weil sie, wie sie sagen,
nie Zeit dafür haben, das zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist. Ich
glaube, weil wir gezwungen sind, stets das Dringliche und das Dringende
zu tun, wissen wir allmählich gar nicht mehr, was uns eigentlich
wichtig wäre. Ödön von Horváth hat das in einem schönen Bon Mot zum
Ausdruck gebracht. Er sagt: "Eigentlich bin ich ja ganz anders, nur
komme ich so selten dazu."
Wie können Individuen mit den
Beschleunigungszumutungen der modernen Gesellschaft umgehen? Ich
glaube, wir können drei verschiedene Verhaltensweisen oder
Identitätsmuster beobachten, die Reaktionen auf das hohe Tempo
insbesondere der spätmodernen Gesellschaften darstellen: Eine Reaktion
besteht darin, tatsächlich zu einem postmodernen Selbst zu werden, zu
einem Wellenreiter, der darauf verzichtet, eine stabile Identität zu
definieren, der gar nicht mehr versucht, einen langfristigen Lebensplan
zu entwerfen oder ein Lebensprojekt, sondern, der bereit ist, sich
immer wieder auf wechselnde Herausforderungen, auf wechselnde
Möglichkeiten und Chancen einzulassen und sich deshalb, wie
Unternehmensberater zu sagen pflegen, alle paar Jahre oder manchmal
auch alle paar Monate neu erfindet. Wer nicht bereit ist,
immer
wieder seinen Standpunkt aufzugeben, seinen Wohnort zu wechseln, seinen
Lebenspartner zu verlassen, einen neuen Beruf zu suchen, wer glaubt,
dass er einen stabilen Anker, eine Wurzel in seinem Leben braucht, der
kann vermutlich fundamentalistischen Positionen durchaus etwas
abgewinnen. Denn wenn wir keinen stabilen Anker mehr in den
beschleunigten Verhältnissen der Gegenwart finden können, dann liegt
natürlich eine Option darin, diesen Anker in transzendenten oder
metaphysischen Doktrinen zu suchen und vielleicht auch zu finden, so
dass die Idee dann lautet, egal was mir im Diesseits passiert, ich
gewinne meine Stabilität zum Beispiel aus der Bibel oder aus dem Koran.
Wer weder Wellenreiter noch Fundamentalist werden will, ist
in der
Tat bedroht, depressiv oder burn-out-krank zu werden. Ich glaube, es
ist kein Zufall, dass - wie die Weltgesundheitsorganisation und viele
Ärzte berichten - Depressionserkrankungen und depressive Verstimmungen
rapide auf dem Vormarsch sind, weil Depressionen eine Bestätigung des
Zeiterlebens sind. Wer depressiv wird, fällt in eine Art von Zeitloch,
in dem Zeit eine zähe Masse wird, innerhalb derer es keinen Durchzug
mehr gibt von der Vergangenheit in die Zukunft, wie ein Kranker das zum
Ausdruck gebracht hat. Depressionserkrankungen sind dysfunktionale
Reaktionen auf die Beschleunigungszumutungen.
Nun
gibt es
auch kollektive und politische Folgen der Beschleunigung, die durchaus
bedenklich sind. Am interessantesten erscheint mir hier das Problem der
Demokratie. Die politikwissenschaftliche Analyse macht nämlich
deutlich, dass demokratische, politische Prozesse unaufhebbar
zeitaufwändig sind. Natürlich - wenn wir Demokratie nur als Abstimmung
verstehen, dann können wir mit Hilfe moderner Computertechnologien den
Abstimmungsprozess nahezu beliebig beschleunigen. Aber mit Demokratie
als dem politischen Projekt der Moderne ist etwas anderes gemeint. Es
ist gemeint, dass wir das beste Argument in einem Abwägungsprozess
herausschälen und uns dann auf einen Konsens einigen. Mit anderen
Worten: Demokratie meint die durchaus zeitaufwändige Organisation eines
öffentlichen, eines kollektiven Willensbildungs- und
Entscheidungsfindungsprozesses, der Argumente abwägen und filtern soll.
Dieser Prozess ist - da führt kein Weg daran vorbei - sehr
zeitaufwändig. Ich glaube sogar, dass man zeigen kann, dass er unter
den Bedingungen der Gegenwartsgesellschaft, der Globalisierung noch
zeitaufwändiger wird, weil die Hintergrundsbedingungen schwerer zu
berechnen sind, sie werden instabiler, und weil wir nicht mehr einfach
einen kulturellen Konsens voraussetzen können. Die Politik
hat
diese Zeit aber nicht mehr, weil die Wirtschaft, die wissenschaftlichen
und technischen Erfindungen und die kulturellen Veränderungen
wesentlich an Tempo zugelegt haben. Die Folge lässt sich ganz einfach
beobachten: Politisches Handeln bedeutet heute nicht mehr, eine
Schrittmacherfunktion inne zu haben, Politik gestaltet Gesellschaft
nicht mehr, sondern sie hechelt den sozialen Veränderungen hinterher.
Wir können das in der Tat an der Rhetorik der Politiker ablesen, die
nicht mehr von Gestaltung der Zukunft sprechen, sondern in aller Regel
von notwendigen Strukturanpassungen, die mit Sachzwangargumenten
gerechtfertigt werden. Weil Politik nicht mehr als Gestalter erfahren
wird, sondern als Anpasser - wir können auch sagen als Durchwurstler
oder Hinterherhechler - ist es nicht verwunderlich, dass
Politikverdrossenheit und vielleicht auch Entfremdung vom politischen
System, wie wir es gerade an der Abstimmung Irlands zu den EU-Verträgen
ablesen können, sich ausbreiten.
Was können, was sollen wir
in
dieser doch beunruhigenden Situation tun? Das wichtigste Fazit, das ich
aus meinen Überlegungen ziehen möchte, lautet: Es geht nicht, dass wir
im wesentlichen alles so lassen, wie es ist, und nur einiges ein
bisschen langsamer machen. Wir können nicht die
kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse so
lassen, wie sie sind, und nur das Tempo aus der Gesellschaft nehmen.
Einfache Entschleunigungsratgeber helfen hier nicht weiter, weder
individuell noch kollektiv. Es ist auch nicht mit ein paar einfachen
politischen oder ökonomischen Reformen getan. Die
Tobin-Steuer mag
in der Tat den Währungsverkehr ein bisschen verlangsamen, aber sie löst
nicht das Grundproblem der Moderne, denn Beschleunigung, das habe ich
versucht zu zeigen, ist ein Grundprinzip oder sogar das Grundprinzip
der Moderne. Wer die Beschleunigung zum Stillstand bringen will,
braucht eine Alternative zur Moderne und zu ihrer Lebensform.
Das
bedeutet letztlich, wir brauchen eine kulturelle und politische
Revolution, wenn wir dieses Beschleunigungsspiel außer Kraft setzen
wollen. Für eine solche Revolution sind aber sowohl die
politischen Institutionen nicht ersichtlich, und es ist außerdem
unklar, wer der Träger einer Revolution sein sollte. Das politische
Subjekt ist weit und breit nicht zu sehen. In einer solchen Lage ist es
natürlich misslich, dass wir uns, wie der amerikanische
Kulturwissenschaftler Frederic Jameson bemerkt hat, weit eher ein Ende
der Welt in einer militärischen oder ökologischen Katastrophe
vorstellen können als eine Alternative zu unserer
liberal-kapitalistischen Gesellschaftsform. Dass uns just in dem Moment
die Fantasie auszugehen scheint, wo die Möglichkeiten zum Beispiel
gentechnischer Art geradezu explodieren, wird, so denke ich, später
einmal zu den großen Rätseln des 21. Jahrhunderts, vielleicht überhaupt
zu den Rätseln der Menschheitsgeschichte zählen. Ob wir
dieses
Rätsel jemals lösen werden, ob wir dem rasenden Stillstand, dem das
moderne Beschleunigungsprojekt unaufhaltsam zuzustreben scheint, noch
entkommen können, das vermag ich als Soziologe heute nicht zu sagen.
Als Menschen allerdings können und sollten wir es hoffen."
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