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Bei der Eilkrankheit handelt es sich um eine relativ neue Störung, die erstmals 1996 von den amerikanischen Psychologen Diane Ulmer und Leonhard Schwartzburd als hurry sickness (Hetzkrankheit) beschrieben wurde. Aufgrund dieser erst jungen und bislang (noch) nicht offiziell klassifizierten Störung findet sich daher keine Definition in der ICD-10. Die Eilkrankheit ist ein Zustand von einer Art permanentem innerem Getrieben-sein. Wenn das Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen, extrem und zur Gewohnheit wird - wenn Menschen sich gezwungen fühlen, sich auch ohne echten äußeren Zeitdruck ständig zu beeilen -, dann führt das unter Umständen zu Symptomen, die unter dem Namen Eilkrankheit zusammengefaßt sind. US-Psychologen haben einen Fragekatalog erstellt, anhand dessen sich feststellen läst, ob man unter der Eilkrankheit leidet. Werden die überwiegende Anzahl der Fragen mit "Ja" beantwortet, gelten die Personen als eilkrank gefährdet. Schauen Sie permanent auf die Uhr? Sprechen, gehen, essen Sie schneller als andere? Könnten Sie innerlich platzen, wenn Sie an einer Ampel, im Stau, in der Warteschlange stehen? Sind Sie süchtig danach, Listen zu erstellen und unfähig ohne Kalender Ihr Leben zu organisieren? - sind nur eine Auswahl dieser Checkliste. Ein weiteres Indiz für die Diagnose Eilkrankheit besteht, wenn Personen verstärkt eine Interesselosigkeit an Aspekten des Lebens feststellen, die nichts mit dem Erreichen von Zielen zu tun haben und das Leben mehr nach der Quantität der Ereignisse als nach der Qualität bewerten. Als besonders auffälliges Symptom der Eilkrankheit gilt der Zählzwang, der sich z.B. darin zeigt, wenn Menschen minutiös jede noch so kleine Veränderung der Ziffernfolge des Blutdruckmessgerätes verfolgen, während andere dasselbe mit den Hundertsteln und manchmal Tausendsteln von Sekundendifferenzen zwischen Sportlern tun und wieder andere mithilfe des Internet, des Fernsehens und der Tageszeitung auch die minimalsten Kursveränderungen an den Börsen registrieren. Häufig klagen die Patienten über schnell ablösende rasende Gedanken, die Schlaflosigkeit verursachen und die Konzentration schwächen. Der rasende Gedankenschwall mündet in einen Grübelzwang über vergangene und zukünftige Erlebnisse, verbunden mit der Unfähigkeit die Gegenwart wahrzunehmen. Der Eilkranke ist unfähig angenehme Erinnerungen zu sammeln - seine Grübeleien beschränken sich auf Krisen und Probleme.

Die möglicherweise bedeutsamste pathologische Erscheinungsform einer spätmodernen Zeit- und Selbsterfahrung ist die nach vielen Befunden dramatische Zunahme von Depressionserkrankungen, welche nach den Statistiken der WHO bereits zu der nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit zweithäufigsten Krankheit geworden sind. Untersuchungen sollen ergeben haben, dass sieben von zehn psychisch erkrankten Patienten Anzeichen pathologischer Zeiterfahrung aufweisen. Daraus läßt sich schließen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung hoch entwickelter Länder am Ende des 20. Jahrhunderts Überforderungen spüren [muss], die nicht schlicht von tempobedingter Hetze herrühren. Die Depression kann ohne Zweifel als die verbreitetste und charakteristischste Pathologie der Zeit begriffen werden, und zwar in einem dreifachen Sinne:


1. Es gilt heute als ausgemacht, dass sie eine nicht seltene Folge vermehrter Stresserfahrungen, d.h. eine Folge unerwünschten Zeitdrucks, aber auch hektischer Veränderungsraten und hoher Unsicherheit sein kann.

2. Die Depression stellt eine psychische Reaktion dar, die durch die Erfahrung der zähen, stillstehenden Zeit und der Zukunftslosigkeit charakterisiert ist. Darüber gibt die Zusammenfassung der Selbstzeugnisse Depressiver folgendermaßen Auskunft: Was so schwer zu vermitteln ist, scheint die Beschädigung des Zeiterlebens zu sein, die die Depression anrichtet, eines Zeiterlebens, das sich auch dann, wenn es nicht ins Stocken geraten ist, der sprachlichen Fixierung sperrt. Depressive spüren eine Art Verknotung der Zeit, die etwas wie temporale Erstickungsanfälle hervorruft: Zwischen Vergangenheit und Zukunft zieht es nicht mehr durch. Dadurch aber verstärkt sich erst recht die Empfindung, aus einem Weltlauf herauszufallen, dem die unaufhörliche Verwandlung von Zukunft in Gegenwart und von Gegenwart in Vergangenheit selbstverständlich ist.  Unser Leben ist wesentlich auf die Zukunft ausgerichtet. Dort, wo eine pathologische Verlangsamung auftritt, ist diese Ausrichtung dadurch tiefgehend geändert; dem Grad der Verlangsamung entsprechend wird es bald die Gegenwart, bald die Vergangenheit sein, die einen abnormen Einfluss ausüben wird. "Die Zukunft sieht kalt und düster aus und ich scheine in der Zeit eingefroren zu sein", so die Worte eines Depressiven.

3. Die Depression wird zur Pathologie des Globalisierungszeitalters , nicht nur weil sie in ihm deutlich zunimmt und, was historisch neuartig scheint, vermehrt junge Menschen befällt, sondern stärker noch weil sie die hier aus der Zeitperspektive der situativen Identität abgeleitete Zeiterfahrung des rasenden Stillstandes in pathologischer Reinform zu verkörpern und zu bestätigen scheint. Die Depression ist das Geländer des führungslosen Menschen, nicht nur sein Elend. Diese Energie hat unüberwindliche Schwierigkeiten, sich produktiv zu entfalten, wenn aufgrund der hohen Mobilitäts-, Flexibilitäts- und Veränderungsraten von vornherein angenommen wird, dass jede mögliche Beziehung, in die hinein sie investiert werden könnte, vorübergehend, vergänglich und daher nicht wirklich identitätsstiftend oder -stabilisierend sein wird. Interessanterweise wird die Geschichte der Dynamisierung in der Neuzeit begleitet von diesem Problem, das sich in wechselnden kulturellen Diagnosen und Diskursen zunächst als Acedia (Seelenlähmung), säkularisiert dann als Melancholie, als Ennui (grenzenlose Langeweile), später als Neurasthenie (Nervenüberreizung) und heute als Depression Ausdruck verschafft.

Stets geht es um einen psychischen Zustand, der angesichts der Unfähigkeit der Seele, ihre Energie auf ein festes, beständiges, für lohnenswert erachtetes Ziel zu richten und tatkräftig zu entfalten, durch eine gleichsam künstliche Trägheit, Öde und Leere (bei gleichzeitiger innerer Rastlosigkeit), durch Seelenlähmung gekennzeichnet ist. Sind solche Erfahrungen zunächst noch als individuelle (wenngleich zeittypische) Pathologien oder besondere Veranlagungen der "Empfindsamen", der Dichter, Künstler oder Philosophen zu deuten und aufzufangen, weil sie in der "klassisch- modernen" und bildungsbürgerlichen Idealvorstellung eines (autonom bestimmten und authentisch entfalteten) Lebensplanes und eines Lebensprojektes ein starkes kulturelles Gegengewicht finden, so könnten sie sich in der Spätmoderne zu einer strukturell unausweichlichen Allgemeinerfahrung verdichten. Wenn die Melancholie dem außergewöhnlichen Menschen zugehörte, dann bezeugt die Depression die Demokratisierung der Ausnahme.

Wir leben mit der Wahrheit und im Glauben, dass jeder die Möglichkeit haben müsse, sich sein Leben zu gestalten, anstatt es als Schicksal auf sich zu nehmen. Durch individuelle Initiative und die Eröffnung von Möglichkeiten hat sich der Mensch bis in seine intimsten Bereiche hinein in Bewegung gesetzt. Diese Dynamik steigert sein Nicht-festgelegt Sein, beschleunigt die Auflösung von Beständigkeit, vervielfacht das Angebot an Anhaltspunkten und verwirrt es zugleich. Die Menschen gleichen den Halmen im Getreide; sie wurden von Gott, Hagel, Feuersbrunst, Pestilenz und Krieg wahrscheinlich heftiger hin und herbewegt als jetzt, aber im Ganzen, stadtweise, landstrichweise. Die neuen Erschütterungen sind individuell, sie kommen von innen. Depression ist die Melancholie in einer Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind, es ist die Krankheit von Demokratie und Marktwirtschaft par excellence.

In dieser Hinsicht ist die Depression die unvermeidliche Kehrseite der Souveränität des Menschen, nicht dessen, der falsch handelt, sondern dessen, der gar nicht handeln kann. Bei der Depression wird nicht in Begriffen von Rechtmäßigkeit, sondern von Handlungsunfähigkeit gedacht. Handlungsunfähigkeit meint hier aber letztlich die Folge einer Beziehungs- oder Bindungsunfähigkeit, die ihre Ursache darin hat, dass kein Bestandteil des Selbst mehr als schlechthin gegeben erscheint, so dass er entdeckt und in einem Prozess des Einwirkens auf die Umwelt, in dem (ganz im Sinne des Bildungs- und Entwicklungsromans) Selbst und Welt sich wechselseitig um- und fortbilden, authentisch entfaltet werden könnte oder müsste.

Stattdessen verdrängt in der Spätmoderne der Handlungstyp des gelegenheitsabhängigen Wählens den Typus des Einwirkens auf die Welt mit der Gefahr, dass nicht mehr angegeben werden kann, im Namen wovon man etwas will oder wählt. Eben hierin zeigt sich die potentiell zur depressiven Handlungsunfähigkeit führende Problematik des postmodernen Selbst: Wie aus der Pluralisierung der Welt die tendenzielle Fremdheit sozialer Organisationen resultiert und das Subjekt Halt in seinem Selbst sucht, so wird dieser Halt angesichts der Selbstbefragung im Rahmen sozial aufgenötigter pluraler Optionsmöglichkeiten immer wieder prekär. 
Das Dilemma der Selbstbezüglichkeit des modernen Selbst besteht somit darin, dass es dieser Selbstbezüglichkeit bedarf, um angesichts der offenen Optionshorizonte handlungsfähig zu bleiben. Wird die geforderte Selbstbezüglichkeit unterschritten, wird das Selbst zum Spielball sozialer Fernzwänge. Wird die Selbstbezüglichkeit angesichts der unabschließbaren Entscheidungsmöglichkeiten gesteigert, dann führt dies zur lebenspraktischen Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit, wodurch das Selbst ebenfalls letztlich von außen bestimmt wird. Das reflexive Selbst expandiert auf Kosten eines lebenspraktischen, sinnlichen Erlebens, mit dem Ergebnis der Gefühle von Leere und sinnlicher Öde.

Kennzeichnend für die spätmoderne Identität auch jenseits ihrer zeittypischen Pathologien scheint damit aber der Verlust der Wahrnehmung einer gerichteten Bewegung des Selbst oder des Lebens durch die Zeit zu sein. Dieser Verlust steht in einer engen Beziehung zu der Tatsache, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft in den Dingen, die wir tun, kaum mehr einen wirklichen Fortschritt sehen, sondern vielmehr notwendige Anpassungen an unausweichliche Sachzwänge erblicken. Individuell und politisch werden Veränderungen nicht mehr dadurch gerechtfertigt, dass sie eine gerechtere oder freiere oder bessere Zukunft versprechen, sondern dadurch, dass wir ohne diese Veränderungen unsere Zukunftschancen verlieren und deshalb alles schlimmer zu werden droht. Reformen wie die Agenda 2010 dienen daher letztlich nur der Erhaltung des status quo. Was dabei fehlt, ist eine zukunftsweisende Entwicklungsperspektive. Wenn die Kranken ganz besondere Kenntnis vom Zustand der Gesellschaft haben, so sind die Depressiven heute wahrscheinlich die empfindlichsten Seismographen gegenwärtiger und noch kommender Verwerfungen. Ihr Stupor gibt Kunde von dem öden Stillstand, der unter bunt animierten und von neuer Unübersichtlichkeit aufgelockerten Benutzeroberflächen gähnt.