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Ein Gespräch mit Hartmut Rosa über unsere nur vermeintlich souveräne Nutzung von Technologien und über endlose Datenströme, deren Dynamik unser ganzes Leben erfasst hat. Nach Hartmut Rosa ist die allgegenwärtige Steigerungs- und Beschleunigungslogik strukturell in unserer Gesellschaft verankert. Wir müssen uns aber entscheiden, ob wir die unablässigen Daten-, Waren- oder Geldströme, die wir entfesselt haben, unter Kontrolle bringen wollen oder nicht. Sie unter Kontrolle zu bringen hieße allerdings, die Ströme zu verlangsamen. Dies geschieht aber nicht. Im Gegenteil: Selbst die politische Klasse wird immer öfter von Erregungswellen erfasst, die binnen kürzester Zeit zu grundstürzenden Veränderungen führen, wie beispielsweise bei der "Energiewende" in Deutschland.

Die sich immer schneller wandelnde Gesellschaft hat auch das Selbstverständnis des Bürgertums erfasst. Während der Bürger vergangener Tage seine Position in der Gesellschaft erarbeitet hat, seinen Platz in der Welt verankert hat, wird er nun zum Surfer, dessen Hauptanstrengung darin besteht 'oben' zu bleiben. Da der Platz in der Gesellschaft für den Bürger nicht mehr festgeschrieben ist, gilt es, die sich verändernde Welt ununterbrochen zu beobachten und bereit zu sein, auf die nächste Welle aufzuspringen. Wer ökonomisch und sozial gut gesichert ist, bewältigt dies einfacher als die weniger Privilegierten. Diese müssen sich als "Drifter" Wind und Wellen aussetzen und sich dort zurechtfinden, wo sie hingespült werden.

Hartmut Rosa zu Risiken und Chancen in der Wissensgesellschaft ...

»Wir befinden uns in einer Experimentierphase, weil keiner so genau weiß, wie man mit neuen Technologien umgehen
muss. Aber das überwältigende Gefühl, das Menschen haben, die sich nicht total der Technik verweigern, dass wir
zirkulierende Ströme in Gang gesetzt haben: Datenströme, Bilderströme, die durch uns hindurch fließen. Emotionell,
intellektuell und sozial sind wir einer Dynamik unterworfen, die wir nicht kontrollieren können.

»Mein Verdacht ist, dass wir die Welt nicht mehr als Resonanzsphäre wahrnehmen, die uns antwortet und in einen
lebendigen Austausch mit uns tritt, sondern eher als eine Art von instrumentellem Feld, in dem man selektiv be-
stimmte Dinge nutzt und andere blockieren muss.

»Die Menschen denken, das Problem liege bei ihnen als individuellen Akteuren. Wenn wir ein Zeitpoblem haben, dann
muss es wohl an uns liegen. Die Beschleunigungs- und Steigerungslogik ist in der Natur moderner Gesellschaften und
auch in ihren kulturellen Programmen verankert. Deshalb kann man nicht durch Zeitmanagement oder mehr innere
Gelassenheit die Probleme lösen.

»Es ist verblüffend, wie sehr wir uns angewöhnt haben, die Qualität einer Arbeit in Steigerungsraten zu messen. Jede
Uni-Leitung misst die Qualität der Beschäftigten an den gestiegenen Drittmitteln, an den gestiegenen Studentenzahlen, an den gestiegenen Promotionszahlen, an den gestiegenen Publikationszahlen. Die Steigerungslogik beherrscht unsere Gesellschaft insgesamt.

»Das alte Konzept von Bürgerlichkeit, sich in der Welt zu positionieren, wird untergehen. Menschen haben nicht mehr
eine feste Position, die sie anstreben. Ich beschreibe das als Übergang von der Positionalität zur Performativität.
Man kann zum Surfer oder zum Drifter werden: Der Surfer ist derjenige, der bereit ist zu springen, wenn eine neue
Herausforderung kommt. Er ist dann bereit, den Beruf, den Wohnort, die politische Orientierung zu wechseln. Er ist
in der Lage, auf wechselnde Winde und wechselnde Ströme so zu reagieren, dass er oben bleibt. Da fehlt die Idee
einer Zielgerichtetheit des Lebens. Der Drifter geht unter, wird getrieben. Er wird von den Ereignissen überrascht
und überwältigt und muss dann sehen, wohin Wind und Wellen ihn dann hintragen.

Ein weiteres ausführliches Interview mit Hartmut Rosa zur schnelllebigen Moderne sehen Sie hier.