Deutschland unter Druck - Die überforderten
Kinder (Film von Grit Fischer und Timo Großpietsch) Chinesisch
für
Babys, Managerkurse für Kleinkinder, Yoga in der Krippe - zwischen
Geigenstunde, Frühenglisch und Schulaufgaben: Aus Sorge um die
Zukunftschancen ihrer Kinder setzen immer mehr Eltern den Nachwuchs
einem ungeheuren Leistungsdruck aus. Die Perfektionierung tobt schon in
der Kindheit heftig - es ist der Traum vom sozialen Aufstieg. Jedes
vierte Kind bis acht Jahre wird mittlerweile zur Fördertherapie
geschickt. Nach dem vollen Schultag gehen sie zum Hockey, zum Tennis,
zum Segeln, zur Musikschule. Manchmal haben Kinder an einem Nachmittag
zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren. Der gesamte Komplex
zwischen Geburt und Abitur ist zu einer Mischung aus Wettrüsten und
Leistungsschau geworden. Schlimme Krisen drohen für die Eltern, wenn
ihr Kind später als andere krabbelt. Dem Druck halten nicht alle Kinder
stand. Zunehmend bedürfen schon Grundschüler therapeutischer
Behandlung. Erst sind es Bauchschmerzen, später folgt die
Leistungsblockade bis hin zur Depression. Bis zu zehn Prozent der 12-
bis 17-jährigen haben oder hatten Depressionen. Die Kinder stehen unter
Druck: Einfach nur spielen - ist das heute überhaupt noch möglich?
Teil I
Teil II
Teil III
Deutschland unter Druck - Die getriebenen
Erwachsenen (Film von Johannes Edelhoff und Benjamin
Arcioli) Jeder ist
ersetzbar.
Ganze Produktionsketten können heute im Handumdrehen an fast jeden Ort
der Welt verlegt werden. Alles ist austauschbar. Die Deutschen haben
Angst, sie könnten ihre Arbeit und ihren Wohlstand verlieren - und
kämpfen verzweifelt dagegen an. Der Krankheitsstand ist auf dem
niedrigsten Niveau aller Zeiten, und zwar weil immer mehr Deutsche ihre
Krankheit verleugnen. Sie wollen sich unersetzlich fühlen, so eine
Studie des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt. Der
Leistungsdruck hört nicht hinter der Bürotür auf. Leidenschaft ist auch
in der Freizeit zur obersten Maxime geworden. Jede freie Minute wird
genutzt - immer auf der Suche nach einem einzigartigen Erlebnis. Die
Getriebenen laufen wie Duracell-Häschen dem Traum hinterher, sich
selbst zu verwirklichen. Aber anhalten können sie nicht. Alles
schaffen, überall erfolgreich sein, am Schreibtisch, im Bett und in der
Freizeit - das erwarten die Getriebenen von sich selbst. Niemand will
sich selbst enttäuschen. Denn zu den Verlierern will keiner gehören.
Die Erwachsenen stehen unter Druck: Können sie überhaupt glücklich sein?
Teil I
Teil II
Teil III
Deutschland
unter Druck - Die verunsicherten Alten (Film von Jochen
Becker und Maik Gizinski) Lebst
du noch, oder
stirbst du schon? Immer mehr Alte haben Angst davor, alt zu werden.
Eine Untersuchung der Berliner Charité zeigt eine deutlich wachsende
Anzahl von Suiziden bei Senioren: Rund 40 Prozent aller Selbsttötungen
werden von Menschen begangen, die älter sind als 60 Jahre. Immer lauter
wird auch der Ruf, passive oder gar aktive Sterbehilfe zu legalisieren.
Eine große Furcht geht um: Wer körperlich und geistig nicht mehr
mithalten kann, fällt anderen zur Last, muss gepflegt werden und
verursacht Kosten. Alter macht abhängig und hilflos - und viele Alte
trauen sich nicht mehr, so zu werden. Gleichzeitig basteln sich die
Jungen eine Welt für sich, modern und digital, in der die Alten oft wie
Außerirdische umher tappen: vorsichtig und immer in der Angst, etwas
falsch zu machen. "Viermal die 7 drücken für ein 's' " - das ist nicht
logisch für viele Alte und doch nur eine simple SMS für die Jungen. Die
NDR-Reporter haben Deutschlands Senioren besucht: Die Selbstbestimmten
in ihren barrierefreien Bungalows, die Verarmten in ihren
Kleinstwohnungen in der Großstadt, die Reichen im Fünf-Sterne-Kurhotel,
die Pflegebedürftigen im Seniorenheim und die Übriggebliebenen in
Deutschlands ältestem Dorf. Selbstständigkeit bewahren und die
Kontrolle über das eigene Leben, möglichst bis zum letzten Atemzug -
das wünschen sie sich, weil die Gesellschaft es sich von ihnen wünscht.
Die Alten stehen unter Druck: Können sie überhaupt noch in Würde alt
werden?